Heinz Hermann Thiele (1941–2021) machte aus dem Münchner Bremsenhersteller Knorr-Bremse einen Weltmarktführer und wurde damit zu einem der reichsten Deutschen. Zum Zeitpunkt seines Todes im Februar 2021 zählte ihn Bloomberg zu den reichsten Deutschen. Sein Nachlass – vor allem die Mehrheitsbeteiligungen an Knorr-Bremse und Vossloh – fließt in eine Familienstiftung und ist bis heute Gegenstand von Rechtsstreitigkeiten.
Key Takeaways
- Heinz Hermann Thiele wurde am 2. April 1941 in Mainz geboren und starb am 23. Februar 2021 in München.
- 1969 trat der Jurist als Sachbearbeiter in die Patentabteilung von Knorr-Bremse ein; 1985 wurde er Vorstand, 1987 Vorstandsvorsitzender und 1989 Alleineigentümer.
- Unter seiner Führung wuchs Knorr-Bremse von rund 3.500 auf etwa 29.000 Mitarbeiter und zum Weltmarktführer für Bremssysteme in Schienen- und Nutzfahrzeugen.
- Beim Börsengang 2018 platzierte die Familie rund 30 Prozent der Aktien und behielt die Mehrheit.
- Thiele hielt zudem rund 50 Prozent am Bahntechnikkonzern Vossloh und stieg 2020 mit 15,5 Prozent als größter Einzelaktionär bei der Lufthansa ein.
- Bloomberg und Forbes führten ihn zuletzt unter den reichsten Deutschen; der Nachlass besteht im Kern aus den Unternehmensbeteiligungen.
- Die Erbregelung über eine Familienstiftung ist seit 2021 umstritten: Witwe Nadia Thiele und Sohn Henrik gehen juristisch gegen Testamentsvollstrecker und Stiftungskonstruktion vor.
Steckbrief: Heinz Hermann Thiele
| Name | Heinz Hermann Thiele |
| Geboren | 2. April 1941 in Mainz |
| Gestorben | 23. Februar 2021 in München |
| Ausbildung | Jurastudium, Staatsexamen (LMU München) |
| Unternehmen | Knorr-Bremse AG (Mehrheitseigentümer), Vossloh AG, Deutsche Lufthansa AG |
| Vermögensbasis | Mehrheitsbeteiligungen an Knorr-Bremse und Vossloh, Immobilien, Landwirtschaft |
| Familie | Ehefrau Nadia Thiele, Tochter Julia Thiele-Schürhoff, Sohn Henrik Thiele |
Frühe Jahre und Ausbildung
Heinz Hermann Thiele wurde 1941 in Mainz geboren. Als Kleinkind erlebte er die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg, die Familie floh. Nach dem Abitur 1961 studierte er Rechtswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München und schloss mit dem Staatsexamen ab. Einen klassischen Juristenweg schlug er jedoch nicht ein.
Karriere bei Knorr-Bremse: Vom Sachbearbeiter zum Alleineigentümer
1969 begann Thiele als juristischer Sachbearbeiter in der Patentabteilung von Knorr-Bremse in München. 1972 übernahm er die Leitung der Rechtsabteilung, 1979 die Geschäftsführung des Vertriebs, 1985 rückte er in den Vorstand auf. Das Unternehmen steckte damals in einer tiefen Krise. Thiele nutzte die Gelegenheit: Er erwarb zunächst einen Minderheitsanteil, kaufte 1986/87 die Mehrheit und wurde 1987 Vorstandsvorsitzender. 1989 gehörte ihm Knorr-Bremse vollständig.
Seine Strategie war radikal: Knorr-Bremse trennte sich von allen Randgeschäften und konzentrierte sich auf Bremssysteme für Schienen- und Nutzfahrzeuge. Durch Übernahmen wie die des US-Herstellers Bendix und von Westinghouse Brakes sowie Joint Ventures in China – der erste große Auftrag kam für die U-Bahn in Shanghai – wuchs das Unternehmen zum Weltmarktführer mit mehr als 100 Standorten in über 30 Ländern. Die Mitarbeiterzahl stieg von rund 3.500 auf etwa 29.000, der Umsatz auf knapp sieben Milliarden Euro (2020).
2007 wechselte Thiele in den Aufsichtsrat, blieb aber die prägende Figur. Nachdem mehrere Vorstandschefs im Streit gingen, kehrte er 2020 als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender zurück.
Börsengang 2018 und weitere Beteiligungen
Im Oktober 2018 brachte Thiele Knorr-Bremse an die Frankfurter Börse. Rund 30 Prozent der Aktien wurden platziert; der Konzern wurde dabei mit rund 13 Milliarden Euro bewertet. Die Familie behielt über die KB Holding und die TIB Vermögens- und Beteiligungsholding die Mehrheit von zuletzt rund 59 Prozent.
Parallel baute Thiele ab 2011 eine Beteiligung am Bahntechnikkonzern Vossloh auf, die er bis auf rund 50 Prozent ausweitete. Für Aufsehen sorgte 2020 sein Einstieg bei der Deutschen Lufthansa: Mitten in der Corona-Krise erhöhte er seinen Anteil auf 15,5 Prozent, wurde größter Einzelaktionär und drohte zeitweise, das neun Milliarden Euro schwere staatliche Rettungspaket zu blockieren, bevor er ihm auf der Hauptversammlung zustimmte.
Führungsstil: Hart, detailversessen, erfolgreich
Thiele galt als einer der härtesten Patriarchen der deutschen Industrie. Er führte Stechuhren und die 42-Stunden-Woche ein, mischte sich in Detailfragen ein und trennte sich rasch von Managern, die seine Erwartungen nicht erfüllten. Gleichzeitig zahlte Knorr-Bremse überdurchschnittlich gut und galt bei Ingenieuren als attraktiver Arbeitgeber. Sein Credo: Technologieführerschaft statt Preiswettbewerb.
Landwirtschaft, Stiftungen und Philanthropie
Neben der Industrie investierte Thiele in Landwirtschaft: In Uruguay betrieb er eine Estancia mit tausenden Rindern und Schafen, in Südafrika eine Plantage für Avocados, Mangos und Zitrusfrüchte mit mehreren hundert Beschäftigten. 2005 gründete er den Verein Knorr-Bremse Global Care, der jährlich rund 1,5 Millionen Euro für Bildungs- und WASH-Projekte (Wasser, Sanitär, Hygiene) sowie Katastrophenhilfe bereitstellt – etwa nach den Naturkatastrophen in Myanmar und Sichuan 2008 und in Japan 2011. In München förderte er die Bayerische Staatsoper, das Lenbachhaus, das Deutsche Museum und die TU München. Thiele wurde mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet.
Heinz Hermann Thiele Vermögen und das umstrittene Erbe
Zum Zeitpunkt seines Todes führte Bloomberg Thiele als einen der vier reichsten Deutschen. Kern des Nachlasses sind die Beteiligungen an Knorr-Bremse (rund 59 Prozent) und Vossloh (rund 50 Prozent), dazu umfangreicher Immobilienbesitz sowie die landwirtschaftlichen Betriebe in Uruguay und Südafrika. Konkrete Vermögenszahlen nennt uamr.de nicht.
Thiele hatte verfügt, dass die Unternehmensbeteiligungen in eine Familienstiftung eingebracht werden, um die Kontinuität bei Knorr-Bremse zu sichern. Die Umsetzung ist jedoch seit Jahren umstritten:
- Witwe Nadia Thiele wehrt sich gegen die vom Testamentsvollstrecker Robin Brühmüller gestaltete Stiftungssatzung und klagte gegen die bayerische Stiftungsaufsicht.
- Sohn Henrik Thiele, der 2017 gegen eine Abfindung auf weitere Ansprüche verzichtet hatte, greift diese Vereinbarung an und macht erhebliche Pflichtteilsansprüche geltend.
- Tochter Julia Thiele-Schürhoff hält selbst rund 17 Prozent an Knorr-Bremse und sitzt im Aufsichtsrat.
- Die Höhe der Vergütung des Testamentsvollstreckers ist Gegenstand von Ermittlungen.
Der Fall gilt als Lehrstück dafür, wie ein ungeordneter Nachlass selbst bei klarer Grundidee zu jahrelangen Auseinandersetzungen führen kann – und wie die Verschonungsregeln der Erbschaftsteuer bei Betriebsvermögen in Milliardenhöhe wirken.
FAQ
Woraus bestand das Vermögen von Heinz Hermann Thiele? Vor allem aus der Mehrheit an Knorr-Bremse, rund 50 Prozent an Vossloh, Immobilien und landwirtschaftlichen Betrieben. Bloomberg zählte ihn 2021 zu den vier reichsten Deutschen.
Wie kam Thiele in den Besitz von Knorr-Bremse? Er trat 1969 als Jurist ein, stieg in den Vorstand auf, kaufte 1985 bis 1987 in der Unternehmenskrise schrittweise die Anteile und war ab 1989 Alleineigentümer.
Wem gehört Knorr-Bremse heute? Die Familie Thiele hält über Holdings und die Familienstiftung rund 59 Prozent; Tochter Julia Thiele-Schürhoff besitzt zusätzlich etwa 17 Prozent. Der Rest ist im Streubesitz.
Worum geht es im Erbstreit um Thiele? Um die Ausgestaltung der Familienstiftung, die Rechte der Witwe Nadia Thiele, die Ansprüche von Sohn Henrik und die Vergütung des Testamentsvollstreckers.
Welche Rolle spielte Thiele bei der Lufthansa-Rettung 2020? Als größter Einzelaktionär mit 15,5 Prozent kritisierte er den Staatseinstieg und stimmte dem Rettungspaket erst kurz vor der Hauptversammlung zu.
Wofür war Thiele neben Knorr-Bremse bekannt? Für seine Vossloh-Beteiligung, landwirtschaftliche Betriebe in Uruguay und Südafrika, den Verein Knorr-Bremse Global Care und seinen kompromisslosen Führungsstil.
Fazit
Heinz Hermann Thiele verkörpert den Aufstieg vom Angestellten zum Milliardär wie kaum ein anderer deutscher Unternehmer. Aus einem kriselnden Mittelständler formte er einen Weltmarktführer und eines der größten Privatvermögen des Landes. Dass ausgerechnet die Nachfolgeregelung zum Streitfall wurde, zeigt: Ein Milliardenerbe braucht nicht nur eine klare Idee, sondern auch eine wasserdichte Umsetzung.