airBaltic ist die nationale Fluggesellschaft Lettlands mit Sitz in Riga und gehört zu rund 88 Prozent dem lettischen Staat. Seit 2025 hält die Lufthansa Group wandelbare Anteile im Umfang von 10 Prozent, ein kleiner Rest liegt beim dänischen Investor Lars Thuesen. Die 1995 gegründete Airline fliegt ausschließlich mit dem Airbus A220-300 und ist weltweit der größte Betreiber dieses Typs. 2026 steckt sie in einer tiefgreifenden Restrukturierung: Die Flotte wird verkleinert, der Börsengang liegt auf Eis, eine teure Zwischenfinanzierung soll die Liquidität sichern.
Key Takeaways
- Der lettische Staat hält rund 88,4 Prozent an airBaltic.
- Die Lufthansa Group erwarb im Januar 2025 für 14 Millionen Euro wandelbare Anteile, die 10 Prozent entsprechen; das Bundeskartellamt gab den Einstieg im Juni 2025 frei.
- Lars Thuesen hält über Aircraft Leasing 1 noch etwa 1,6 Prozent.
- Gegründet wurde airBaltic 1995 als Gemeinschaftsunternehmen von SAS und lettischem Staat; SAS stieg 2009 aus.
- Langzeit-Chef Martin Gauss musste im April 2025 gehen, seit Dezember 2025 führt Erno Hildén das Unternehmen.
- 2025 lag der Umsatz bei 779 Millionen Euro, der Nettoverlust bei 44,3 Millionen Euro.
- Im August 2026 kündigte airBaltic an, die Flotte von 54 auf 36 A220 zu schrumpfen; eine Zwischenfinanzierung von bis zu 257 Millionen Euro soll das Überleben sichern.
| Name | AS Air Baltic Corporation (airBaltic) |
| Gegründet | 28. August 1995 (Flugbetrieb ab 1. Oktober 1995) |
| Sitz | Riga, Lettland |
| Branche | Luftfahrt, Linienfluggesellschaft |
| Eigentümer | Lettischer Staat ca. 88,4 %, Lufthansa Group 10 % (wandelbare Anteile), Aircraft Leasing 1 SIA (Lars Thuesen) ca. 1,6 % |
| Führung | Erno Hildén, CEO seit 1. Dezember 2025 |
| Umsatz / Mitarbeiter | 779 Millionen Euro Umsatz, Nettoverlust 44,3 Millionen Euro (2025); rund 2.800 Mitarbeiter |
Herkunft: Von der SAS-Tochter zur Staatsairline
airBaltic wurde am 28. August 1995 als Gemeinschaftsunternehmen der skandinavischen SAS und der lettischen Regierung gegründet und startete am 1. Oktober 1995 den Flugbetrieb. SAS hielt 47,2 Prozent, bevor der Konzern im Januar 2009 an die Gesellschaft Baltijas aviācijas sistēmas (BAS) verkaufte, die vom damaligen airBaltic-Chef Bertolt Flick kontrolliert wurde.
2011 geriet airBaltic in eine schwere Finanzkrise. Der Staat übernahm nach einer Kapitalspritze und dem Zusammenbruch der Bank hinter BAS wieder nahezu alle Anteile; im Oktober 2011 wurde der Deutsche Martin Gauss, zuvor Chef der ungarischen Malév, CEO und sanierte die Airline. Ein Anteil von 20 Prozent ging später an den Aircraft Investment Fund des Investors Ralf-Dieter Montag-Girmes; im April 2017 übernahm der dänische Unternehmer Lars Thuesen dieses Paket über seine Gesellschaft Aircraft Leasing 1, der Staat hielt danach 80,05 Prozent. Staatliche Kapitalerhöhungen, vor allem in der Corona-Pandemie, verwässerten Thuesens Anteil anschließend auf gut 2 Prozent.
Eigentümerstruktur im Detail
Bis zum Sommer 2025 hielt der lettische Staat 97,97 Prozent und Aircraft Leasing 1 SIA 2,03 Prozent. Am 29. Januar 2025 kündigte die Lufthansa Group an, für 14 Millionen Euro wandelbare Anteile zu erwerben, die einer Beteiligung von 10 Prozent entsprechen. Das Bundeskartellamt gab die Transaktion am 30. Juni 2025 frei. Seit dem Vollzug im August 2025 sieht die Verteilung so aus:
- Lettischer Staat, vertreten durch das Verkehrsministerium: rund 88,4 Prozent
- Lufthansa Group: 10 Prozent (wandelbare Anteile, ein Sitz im Aufsichtsrat)
- Aircraft Leasing 1 SIA (Lars Thuesen): rund 1,6 Prozent
Die Lufthansa-Anteile können nach einem Börsengang in Stammaktien gewandelt werden, ein Mindestanteil von 5 Prozent ist abgesichert. Der Staat schoss im August 2025 ebenfalls 14 Millionen Euro nach, um den privaten Beitrag zu spiegeln. Für Lufthansa geht es weniger um Rendite als um Kapazität: airBaltic ist seit 2019 der wichtigste Wet-Lease-Partner des Konzerns und stellt Flugzeuge samt Besatzung für dessen Kurzstrecken; die Vereinbarung läuft bis Sommer 2027.
Geschäftsmodell und Zahlen
airBaltic verbindet Riga, Tallinn und Vilnius mit Zielen in ganz Europa und vermietet daneben im ACMI-Geschäft Flugzeuge samt Crews an andere Airlines. Die Flotte besteht ausschließlich aus dem Airbus A220-300; mit 54 Maschinen (Stand August 2026) ist airBaltic der größte Betreiber dieses Musters weltweit. Im August 2024 hatte das Unternehmen noch bis zu 90 weitere A220 bestellt.
Die Zahlen zeigen ein Unternehmen, das wächst, aber selten Geld verdient. 2023 gelang mit 668 Millionen Euro Umsatz und 33,7 Millionen Euro Gewinn das bislang beste Ergebnis. 2024 stieg der Umsatz auf 747 Millionen Euro, doch unter dem Strich stand ein Nettoverlust von rund 118 Millionen Euro, unter anderem wegen Triebwerksproblemen bei Pratt & Whitney. 2025 kletterte der Umsatz laut Jahresergebnis um 4 Prozent auf 779 Millionen Euro, der Nettoverlust sank auf 44,3 Millionen Euro, befördert wurden 5,2 Millionen Passagiere. Belastet wird die Bilanz vor allem durch eine 2024 begebene Anleihe über 380 Millionen Euro mit 14,5 Prozent Kupon und Fälligkeit 2029.
Aktuelle Entwicklung 2025/2026: Führungswechsel und Sanierung
Am 7. April 2025 verlor Martin Gauss nach fast 14 Jahren das Vertrauen der Regierung und musste gehen; Hintergrund waren die wiederholten Verschiebungen des ursprünglich für 2025 geplanten Börsengangs. Betriebsvorstand Pauls Cālītis übernahm interimistisch, bevor am 1. Dezember 2025 der frühere Finnair- und SAS-Manager Erno Hildén als CEO antrat.
Hildén legte am 14. August 2026 einen radikalen Businessplan vor: Die Flotte soll bis Ende 2026 von 54 auf rund 36 Flugzeuge schrumpfen und bis 2031 nur auf etwa 40 wachsen. Riga wird alleiniges Drehkreuz, das ACMI-Geschäft wird verkleinert. Rund 45 Millionen Euro jährlich soll das Programm einsparen; für 2031 peilt das Unternehmen eine Milliarde Euro Umsatz an.
Am 17. August 2026 stimmten die Anleihegläubiger zu, die Zinszahlungen vom August und November 2026 zu kapitalisieren. Anfang September 2026 einigte sich airBaltic mit Gläubigern und neuen Investoren auf eine Zwischenfinanzierung über bis zu 257 Millionen Euro in zwei Tranchen, fällig am 26. Februar 2027 und mit 25 Prozent verzinst. Langfristig sind ein Schuldenschnitt mit Umwandlung von Anleihen in Eigenkapital sowie 100 Millionen Euro frisches Eigenkapital vorgesehen. Die Regierung, die selbst Anleihen über 50 Millionen Euro hält, will diese in Anteile wandeln und sucht parallel einen strategischen Investor. Ein Börsengang steht vorerst nicht mehr auf der Tagesordnung.
FAQ
Wem gehört airBaltic? Dem lettischen Staat mit rund 88,4 Prozent, der Lufthansa Group mit 10 Prozent in Form wandelbarer Anteile und der Gesellschaft Aircraft Leasing 1 von Lars Thuesen mit rund 1,6 Prozent.
Wie viel hat Lufthansa für den Einstieg bezahlt? 14 Millionen Euro für wandelbare Anteile, die 10 Prozent entsprechen. Vereinbart im Januar 2025, vollzogen im August 2025.
Wer ist der aktuelle Chef von airBaltic? Seit dem 1. Dezember 2025 Erno Hildén. Er folgte auf Interimschef Pauls Cālītis, der nach dem Abgang von Martin Gauss im April 2025 übernommen hatte.
Kommt der Börsengang von airBaltic noch? Der ursprünglich für 2025 geplante Börsengang wurde mehrfach verschoben. Angesichts der Restrukturierung 2026 gibt es derzeit keinen Zeitplan.
Wie viele Flugzeuge hat airBaltic? Im August 2026 waren es 54 Airbus A220-300. Bis Ende 2026 soll die Flotte auf etwa 36 Maschinen verkleinert werden.
Ist airBaltic profitabel? Selten. 2023 gab es 33,7 Millionen Euro Gewinn, 2024 und 2025 Nettoverluste von rund 118 beziehungsweise 44,3 Millionen Euro.
Fazit
airBaltic bleibt in erster Linie eine Staatsairline: Rund 88 Prozent gehören Lettland, das seit 2011 immer wieder Kapital nachgeschossen hat. Der Einstieg der Lufthansa 2025 brachte einen strategischen Partner, aber nur 14 Millionen Euro frisches Geld, und der als Ausweg gedachte Börsengang ist in weite Ferne gerückt. Mit Flottenverkleinerung, teurer Zwischenfinanzierung und geplantem Schuldenschnitt entscheidet sich in den kommenden Monaten, ob der größte A220-Betreiber der Welt eigenständig bestehen kann und ob Lufthansa über die 10 Prozent hinausgeht.